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Nacht der Schande

Updated: Sep 9, 2018


Diese Fotos dokumentieren die Nacht der Schande. Sie tauchten erst 50 Jahre später auf. Der türkische Militärrichter Fahri Cöker sammelte sie für ein Gerichtsprozess. 1956 versuchte er, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Doch weil er nicht urteilen durfte, wie er wollte, vermachte er den Nachlass der Istanbuler Geschichtsstiftung, allerdings mit der Auflage, die Fotos erst nach seinem Tod zu veröffentlichen. Sie zeigen eine entfesselte Menge, die mit Schlagstöcken durch Istanbul zieht, darunter auch viele Frauen in schwingenden Röcken.

 

Das Pogrom an den Istanbuler Rum Wie hat alles begonnen?

06. September 2017

Polis ist die Stadt. Die Einzigartige.

Die Geschichte der Griechen in der heutigen Türkei begann vor etwa 2500 Jahren.

Homer und Herodot, berühmte Persönlichkeiten der Antike, kamen aus Anatolien. Auch in Istanbul waren die Griechen seit Jahrhunderten verwurzelt. Die Stadt am Bosporus, an der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident, wird von den meisten Griechen auch heute noch Konstantinopel oder Polis genannt.


Polis ist die Stadt. Die Einzigartige. Denn in den Augen der Griechen gab es keine, die mit Konstantinopel vergleichbar gewesen wäre. Diese Stadt war das Zentrum des oströmischen Reiches. Bis heute ist Istanbul (aus dem Griechischen Εις την πόλη*), Sitz des Patriarchen, des Oberhauptes aller Orthodoxen Christen.


© Abdullah Frères, Constantinople, c. 1870

Schmelztiegel von Muslimen und Christen

Schon 660 vor Christus wurde Istanbul unter dem Namen Byzantion von Griechen gegründet. 330 n. C. machte der römische Kaiser Konstantin die Stadt zu seiner Metropole und verlieh ihr seinen Namen. 1204 fielen Kreuzritter über sie her, nachdem die Ostkirche dem Papst die Gefolgschaft verweigert hatte. Konstantinopel, das bis dahin als uneinnehmbar galt, wurde geplündert und zerstört.


Als die Byzantiner es schließlich zurückeroberten, war die Zahl seiner Einwohner von 400.000 auf 50.000 geschrumpft. Ganze zwei Jahrhunderte konnte sich Byzanz noch behaupten. Danach fiel es an die Osmanen. Doch die „Rum“, die „Römer“, wie die Istanbuler Griechen (Ρωμιοί) bis heute genannt werden – sie blieben. Konstantinopel wurde zum Schmelztiegel von Muslimen und Christen.


Mehmet, der Eroberer, zeigte sich tolerant. In seinem multikulturellen Reich hieß er alle willkommen. Die griechisch-orthodoxen Kirchenoberhäupter erhielten sogar Teile der unterworfenen Walachei als Lehen. Dort durften sie nach Belieben ihre Herrschaft ausüben, solange sie den Sultan als Oberhoheit anerkannten.


1830 erkämpfte sich Griechenland als erstes osmanisches Territorium seine Unabhängigkeit. Nach dem langen, blutigen Befreiungskrieg verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Türken und anderen Minderheiten dramatisch. Als erstes traf es die Armenier, die während des Ersten Weltkriegs im Zuge staatlich angeordneter Deportationen zu Hunderttausenden umkamen. Die Griechen hingegen bevölkerten noch immer große Teile Istanbuls, die Region Pontos am Schwarzen Meer und die Westküste Kleinasiens.



Homers Heimat ging in Flammen auf...

1919 nutzten die Griechen die Gunst der Stunde. Die Osmanen waren als Verlierer aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangen und militärisch stark geschwächt. Der völlige Zusammenbruch des Sultanats war nur noch eine Frage der Zeit. Diesen Umstand machte sich der griechische Ministerpräsident Eleftherios Venizelos zunutze. Mit Zustimmung Englands und Frankreichs schickte er griechische Soldaten nach Kleinasien. Sie wurden vernichtend geschlagen. Das antike Smyrna, die Heimat Homers, ging in Flammen auf. Auch die Pontos-Griechen mussten fliehen.


Hergeschoben wie Figuren auf einem Schachbrett

Auf den Trümmern dieser „Kleinasiatischen Katastrophe“ errichtete Mustafa Kemal Atatürk die neue Republik Türkei. Sein Ziel war ein moderner Nationalstaat mit sicheren Grenzen und ohne nicht-muslimische Minderheiten. Ähnliche Visionen hatte quasi** Venizelos, der wichtigste Unterstützer der „Großen Idee“ (Μεγάλη Ιδέα).

Die beiden Politiker entschlossen sich zu einem historisch einmaligen Experiment, das 1923 mit dem Vertrag von Lausanne besiegelt wurde. Das Abkommen sah einen „Bevölkerungsaustausch“ vor. Hinter dem fast harmlos klingenden Begriff verbargen sich die Schrecken von Flucht, Vertreibung und Völkermord. Unter Aufsicht des Völkerbundes wurden Menschen aufgrund ihrer Religion hin- und hergeschoben wie Figuren auf einem Schachbrett.


Eine Ausnahme bildeten die Rum

1,5 Millionen Griechisch-Orthodoxe wurden aus der Türkei vertrieben und in Griechenland angesiedelt, das im Gegenzug von über 500.000 Muslimen „bereinigt“ wurde.

Für die Istanbuler Griechen sah das Lausanner Abkommen eine Sonderregelung vor. Die Gründe dafür sind vielfältig. „Zum einen gab es für sie in Griechenland keinen Platz mehr. Zum anderen wussten die Istanbuler genau, was sie an den Griechen hatten. Wären sie weggegangen, wäre Istanbul eine bitterarme Stadt geworden. Die Griechen waren wohlhabend, sie kannten sich im Handel aus, und auch in der Verwaltung saßen sie auf wichtigen Posten.“ ***


İstiklal today © Ethno News, Jopa

Eine orientalische Idylle

Für die Rum, die Istanbuler Griechen, ging das Leben zunächst weiterhin seinen gewohnten Gang. In den eleganten Geschäften der Istiklal, der Istanbuler Prachtmeile, verkauften sie Stoffe aus Samt und Seide. Auch viele Türken besuchten die griechischen Basare. Überall duftete es nach Zimt, Koriander und anderen Gewürzen. Die Händler unterhielten sich in Rumca, einem griechischen Dialekt, der nur in Istanbul zu hören war. So sah ungefähr der Alltag aus.


Türkischer Nationalismus − eine tickende Zeitbombe

Doch der Schein trog. Die Tage der Rum (Ρωμιοί) waren gezählt. Längst hatte Istanbul aufgehört, eine kosmopolitische Stadt zu sein. Der türkische Nationalismus war eine tickende Zeitbombe. Unter der damaligen Führung von Adnan Menderes schürte die Regierung die Spannungen zwischen Türken und Griechen. Die Griechen wurden diskriminiert. Sie durften beispielsweise weder als Arzt noch als Rechtsanwalt arbeiten.


Am 5. September 1955, als die Spannungen auf Zypern einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatten, ließen die Türken die Nachricht verbreiten, die Griechen hätten Atatürks Geburtshaus in Thessaloniki bombardiert. Eine rassistische Pressekampagne hatte das Klima schon Wochen vorher vergiftet.


--- Ende von TEIL 1 ---


Hier finden Sie die Fortsetzung des Artikels


* Is tin Polin = In die Stadt

***Auszug aus einem Interview der Autorin Elke Worg mit Costas Giannacacos, dem Leiter des Evangelischen Migrationszentrums (Griechisches Haus) in München.

 

Text: Elke Worg

Copyrights: © 2013 Magazin Drachme by Jopa, © 2018 Ethno News by Jopa Herausgeberin: Johanna Panagiotou, LMU Doktorandin, Amerikanische und Transatlantische Geschichte

 

Who is who

Nach freiberuflicher Tätigkeit für diverse Zeitschriften arbeite Elke Worg seit 1993 als Hörfunkjournalistin für den Bayerischen Rundfunk. Zusätzlich betätigst sich unsere Autorin als Sachbuchautorin und Texterin.


Auszeichnungen:

1988: Preis in der Sparte Prosa von der Evangelischen Akademie in Tutzing

2014: Löhe-Medaille der Diakonie Neuendettelsau



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