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Seien wir mal ehrlich: Wie viel Europa steckt in uns?

Updated: Jun 5, 2019

Existierende Parallelgesellschaften und der imaginäre Parallelkosmos

Seit Sonntag melden sich immer wieder Landsleute für eine kurze Europawahl-Analyse bei mir. Eine Stellungnahme beziehe ich jedes Mal mit Vergnügen. Und jedes Mal wird uns allen sofort klar, dass wir komplett aneinander vorbei reden. Da ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, hier lebe, arbeite, wähle, Steuern zahle, Kinder großziehe und studiere, ist es für mich selbstverständlich, dass ich die Ergebnisse hier in diesem Land verfolge, das übrigens über 96 Mitglieder im Europa-Parlament verfügt. Nein. Bei allen Fällen ging es ausschließlich und nur um diese in Griechenland, wo es am 26.05.19 parallel zu den Europa- auch Kommunal- und Regionalwahlen gab.


Die oben genannte in der Diaspora lebende Gruppe ist nur ein Beispiel dieser, nennen wir es, Spaltung: Der Körper ist hier, der Geist und das Herz anderswo; zerrissen zwischen zwei Ländern und am Ende dennoch nirgends richtig angekommen. Hier sind sie die Fremden, dort werden sie bei jedem Anlass von den Einheimischen darauf hingewiesen, dass sie auch nicht in der Lage seien, die dortige Situation einzuschätzen – sie gar zu kritisieren. Gerne werden sie auch noch daran erinnert, dass sie in einem Land leben, das von Prosperität geprägt ist. Damit sei es auch unmöglich, sich in die meistens schwierige Lage der ansässigen Bevölkerung zu versetzen.


So leben die meisten Migrant_innen seit den 1960ern wenn nicht in existierenden Parallelgesellschaften – was mittlerweile Schnee von gestern ist – in einem imaginären Parallelkosmos. Tag und Nacht lassen sie sich, und erstaunlicherweise noch ihre Kinder und Enkelkinder, bewusst und vorzugsweise von Nachrichten aus dem Ursprungsland 'bombardieren' und fiebern bei allem, was gerade dort passiert, mit. Was ja eigentlich nachvollziehbar und legitim ist.


Als Essayistin bin ich da, um die Menschen zu beobachten und ihr Verhalten zu verstehen. Ihnen vorzuschreiben, was sie denken und fühlen sollen, ist nicht mein Job. Ich versuche, bloß zu begreifen, warum das eine das andere ausschließt: Warum gestaltet es sich beispielsweise so schwierig, bestens informiert über jeden Schritt von Sánchez, Conte oder Tsipras zu sein und gleichzeitig zu wissen, dass Annegret Kramp-Karrenbauer sich über Rezo ärgert, weil sie die CDU-Chefin und nicht, wie er, eine YouTuberin ist. Wieso ist also nicht beides möglich und mindestens gleich wichtig, und wieso kann man nicht beides kombinieren?


Logischerweise wäre es doch möglich, aktive Bürger_ innen in Deutschland zu sein, die ihr Anderssein genießen und ihre Erfahrung aufgrund der Verkörperung zweier Kulturen nutzen, um in Europa etwas ändern, bzw. bewirken zu können. Theoretisch wären sie dafür prädestiniert, da sie doch zwei Identitäten in sich vereinen und das Thema Migration bestens beherrschen. War dies etwa nicht eines der heikelsten Themen, die die mühsam geschaffenen EU Fundamente u.a. ins Wanken brachten?


Was allgemein in der Europäischen Union schief läuft, ist nicht Gegenstand dieser kurzen Untersuchung. Die europäischen Probleme sind jedem klar und lassen sich schwer kaschieren, egal wie die Institution von den meisten Parteien vor der Wahl, genauso wie in manchen Fällen die Ergebnisse nach der Wahl, schön geredet wurden.


Die EU kann man einfach kritisieren, weil sie als System unpersönlich ist. Aber den Finger in die Wunde zu legen, ist nicht immer einfach. Denn die Chance, zur inexistenten Gruppendynamik* in Europa und der damit verbundenen Weigerung der Migrant_innen mit ihrem Potenzial zur Stärkung des Wir-, bzw. Kollektivgefühl beizutragen, haben sie selbst, genau wie der überwiegende Teil der deutschen Parteien, verpasst.


Letztere reiben sich die Hände, wenn sie Menschen mit Migrationshintergrund als Kandidat_ innen gewinnen. Diese aber fair zu fördern und ihnen höhere Positionen anzuvertrauen, wagen sich nur ganz wenige Parteien. Hier sei darauf hingewiesen, dass Kandidat_ innen mit Migrationsgeschichte ihre eigenen Leute − die Klientel, bei der man als deutsche Partei nicht einfach ankommt − nicht begeistern können, aktiv zu werden.

Unter 'aktiv' meine ich das Selbstverständliche: wählen gehen. Und das macht die Sache nur noch komplizierter.


Bedauerlicherweise wurde ich sogar vor den Wahlen gefragt, was die Konsequenzen wären, wenn man nicht wählt. Wer soll ihnen erklären, dass Menschen sogar ihr Leben geopfert haben, damit heute freie Wahlen überhaupt möglich sind? Und selbst wenn wir uns als Bürger_ innen nicht ernst genommen fühlen, sei dies keine überzeugende Ausrede für die Nichtteilnahme. Unsere Pflichten sowie das Recht auf Beteiligung und Mitgestaltung beschränken sich nicht nur auf den Tag, an dem die Urnen rufen.


Welche Partei wird nun in den kommenden Tagen den Schritt wagen, kurz über den Tellerrand zu blicken, wesentliche Themen wie "Migration – wie können wir als Europäer_ innen gemeinsam davon profitieren?" neben äußerst wichtigen Thema wie beispielsweise "Rechtsruck in Europa" ernsthaft und adäquat zu behandeln?


Wenn solche Probleme im Rahmen der existierenden Selbstkritik der Parteien nicht seriös angesprochen werden, besteht der Verdacht, dass die Europawahlen eher ein Stimmungsbarometer der nationalen politischen Landschaft waren. Und diesen Egozentrismus braucht Europa jetzt ganz bestimmt nicht.


Johanna Panagiotou alias Victoria Mali

Projektmanagerin, Essayistin, Forscherin (LMU)


*Der Begriff „Gruppendynamik“ wird in unserem Sprachgebrauch häufig negativ besetzt. Diese Deutung wird der Vielseitigkeit des Begriffs jedoch nicht gerecht“.



 

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